Schwul-lesbische Stadtrundgänge in Mannheim

Wir haben Überlebt! Vierhundert Jahre Lesben und Schwule in Mannheim …
und wir feiern Leben …


Konzeption

Happy Birthday! Seit dem Jubeljahr von 2007 kann Mannheim auf vierhundert Jahre Stadtgeschichte zurückschauen.

In vier, für das kurpfälzer Stadtgefüge zentralen Begrifflichkeiten präsentierte sich die Quadratestadt der Weltöffentlichkeit. Neben Mobilität, Wasser und Musik, war es besonders der Aspekt von Toleranz, der die Stadtgeschichte fokussierte und präsentierte. So war das Motto der CSD-Parade etwa „400 Jahre Toleranz“, in der das Mannheimer Lebensgefühl im Jubeljahr auf den Punkt gebracht werden sollte.

Mit dem Slogan „Wir haben überlebt“ antwortete PLUS e.V. (Psychologische Beratung für Lesben- und Schwule Rhein-Neckar e.V.) bei der CSD-Parade, denn Lesben, Schwule, Intersexuelle oder Transidente waren und sind nicht immer akzeptierte, waren und sind nicht selbstverständlich vitaler Teil der Stadtgeschichte. Im Gegenteil: Kriminalisierung, Verfolgung und Pathologisierung bezeichnen einen großen Teil der Geschichte von Homosexuellen, liefern vor allem Verfolgungsakten historische Angaben und transportieren damit die Sichtweise der Verfolger-innen weiter.

Jubiläen sind Anlässe, um Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln – um durch einen Blick zurück, ein kritisches Betrachten und Analysieren von Strukturen, Abläufen und Akteur-innen zu ermöglichen, die das Gewordensein bestimmten. Diskussionen über „die Geschichte“ stellen Debatten dar, die in einer demokratischen Stadtlandschaft über Zukunftsgestaltung verhandeln. Sie behandeln subtextlich stets Partizipationsmöglichkeiten von und für Bevölkerungsgruppen. In diesem Sinne stellen Lücken in der Geschichtsdeutung Defizite an staatlicher Teilhabe von Bevölkerungsgruppen dar.

Konkrete Arbeit mit der Lokalgeschichte kann hier Abhelfen. Um Geschichte und konkret die Geschichte vom Ort zu vermitteln sind Stadtrundgänge ein geschätztes Instrumentarium der Geschichtsvermittlung


Homosexualität in der Stadtgeschichte Mannheims?

Behandelt werden die allgemeinen Entwicklungslinien Mannheims, die von einem kleinen Festungs- und Handelsstützpunkt zur bedeutenden Wirtschafts- und Residenzstadt, zum Provinzflecken und zur modernen Großstadt führten. Thematisiert werden Kriegswirren und Folgen, Veränderungen der Wirtschaftssysteme mit diversen Entwicklungslinien vom Merkantilismus zum Kapitalismus, Strukturen der feudalen, der bürgerlichen und demokratischen Gesellschaftssysteme.

In diesen allgemeinen und lokalen Referenzrahmen eingebunden sind die Daten zur Geschichte von Homosexualität, als Geschichte von Lesben und von Schwulen. Zwar ist „Homosexualität“ eine Setzung der Sexualwissenschaft aus dem 19. Jahrhundert und stellt daher im engen hermeneutischen Sinne keine historisch angemessene Begrifflichkeit dar, um eine Suche nach gleichgeschlechtlich liebenden Menschen in der vierhundert jährigen Stadtgeschichte aufzuspüren. Doch gerade ein Stadtrundgang dient dazu, eine ahistorische Leitfrage vor Ort zu historisieren. Beispielsweise wurden Lesben und Schwule in der Frühen Neuzeit nicht wegen „Homosexualität“ hingerichtet, sondern wegen „Sodomie“, wie es die Speyrer Verurteilung von 1477 dokumentiert.

Es gilt die Frage nach „dem Anderen“ zu stellen, das deviant vom Lebensmodell der breiten Masse gelebt, gefördert, aber auch bestraft und vernichtet wurde.

Die Spurensuche gilt den Zeugnissen einer Geschichte der Heteronormativität, d.h. ein Stadtrundgang zur lesbisch schwulen Stadtgeschichte stellt eine kritische Anfrage auf das Selbstverständnis einer selbstverständlich heterosexuell gedachten, ausgerichteten und konstruierten Geschichtsanalyse. Längerfristig kann dieser tradierten „NORMalität“ eine Tradition von historisch bezeugter „Diversity“ gestellt werden, die von lesbischem, schwulem und transgender Leben berichtet.

Herausfordernd für die Konzeption und Durchführung eines Stadtrundganges zur lesbisch/schwulen Geschichte ist die zentrale Kategorie Geschlecht, die historisch differenziert werden muss . Frauengeschichte unterscheidet sich von den Rahmendaten der Geschichte von männlichen Menschen. Lesben sind keine Schwulen und andersrum, obgleich sie beide „andersrum“ waren. Hier gilt es die Mannheimer Stadtgeschichte hinsichtlich auf Geschlechtertypologien und –hierarchien zu untersuchen.


Themenübersicht Stadtrundgang lesbische und schwule Geschichte Mannheims

Wir haben überlebt! 400 Jahre Lesben und Schwule in Mannheim… und wir leben…

  1. Handel und Militär – Mannheims "Sodomisten" in der Frühen Neuzeit
  2. Homosexualitäten in feudal-aristokratischer Zeit
    Mannheims Hohe Schule der Musik mit lesbisch-schwulen Tönen?
  3. Revolutionärer Aufbruch - oder bürgerliche Verbesserung?
    "Neue Lebensformen" in der Industrialisierung
  4. Kriminalisierungs- und Pathologisierungsgeschichten
    oder: Kann ein Bürger lesbisch sein?
  5. Weimarer republikanischer Aufbruch zu neuen Freiheiten – auch in Mannheim
  6. Verfolgung in der NS-Zeit und "Zeit der Maskierung"
  7. Zeit des "Beschweigens" im Wirtschaftswunderland
  8. Post-Stonewall
  9. „Wie weit flog die Tomate“ in Mannheim?

Zur Route und Geschichtsdidaktik

Die genannten Themen sind chronologisch gelistet. Erfahrungsgemäß bricht die städtebauliche Topographie sowohl Chronologie, als auch die Thematik, so dass Stadtrundgänge die Geschichte in ihren Inhalten nicht linear erzählen können, vielmehr thematisch bündeln müssen.

Es werden Kernelemente Mannheims ausgewählt, die als Ganzes ein profil der Stadt zeichnen. Die Route umfasst ca. 45 Minuten Wegstrecke zwischen Anfang und Ende, bei einer Gesamtdauer von 1,5 bis 2 Stunden.Mannheim ist in der bevorzugten Lage sowohl einen Frauenbuchladen, die „Xanthippe“, wie auch für Schwule, „Den anderen Buchladen“, aufweisen zu können. Die Buchläden waren und sich weit mehr als reine Buch-shopping-Zonen. Buchläden sind Kommunikationszentren, sind in Prä-WWW-Zeiten Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlicher Prozesse gewesen. Ein kulturell kreatives Paris der Zwanziger Jahre ist etwa ohne die beiden Buchläden von Adrienne Monnier und Sylvia Beach überhaupt nicht denkbar. Sie bilden die beiden Buchläden Anfangs- und Endstation.

Der Rundgang wird durch die Quadraten führen. Weitere Stationen sollten das Schloss, die „Mannheimer Symmetrie“, das Stadthaus und das Denkmal der Verfolgten jüdischen MannheimerInnen sein.Der Stadtrundgang wird das „negative Eigentum“ (C.Tatschmurat), also das was man gar nicht haben will, nicht verschweigen. Die Geschichte von Homosexualität in der NS-Zeit verdeutlicht, wie wichtig die Notwendigkeit einer Geschichtsanalyse ist, welche Geschlechterhierarchien thematisiert und historisiert werden.

Die Debatte um das sog. „Homo-Denkmal“ in Berlin zeigt, dass Männer strafrechtlich verfolgt (A. Pretzel) und mit Rosa Winkel in KZs deportiert wurden. Lesbische Frauen hingegen wurden in der NS-Zeit wegen anderen Kriterien – weniger wegen ihrer Lebensform oder sexuellen Orientierung verfolgt. Frauen lebten in der „Zeit der Maskierung“, hatten besonders nach 1945 mit gezieltem „Beschweigen“ (C. Schoppmann) zu kämpfen.

Ein Stadtrundgang ist narrative Geschichte, nur wer sprachfähig ist, kann Geschichte tradieren. Der Rundgang wird verschiedene Mittel einsetzen, um den Teilnehmenden Raum für ihre Sprachfähigkeit mit historischen Themen zu geben. Und um „Ablagerungen“ (K.Hausen) der Historiographie aufzuheben.